Rezension zu Wolfgang F. Rothe (Hg.): Gewollt. Geliebt. Gesegnet. Queer-Sein in der katholischen Kirche. Freiburg i. Br. : Herder, 2022 //
„Gewollt. Geliebt. Gesegnet.“ heißt das neue Buch von Wolfgang F. Rothe, katholischer Priester und schillernder Aktivist mit schwer einzuordnender Berufsbiografie. Es ist eine Sammlung eindrucksvoller Zeugnisse von Menschen, deren sexuelle Identität und Orientierung nicht der Norm der katholischen Kirche entsprechen oder die mit diesen Menschen in Beziehung stehen.
68 Menschen haben ihre persönliche Lebens-, Liebes- und Leidensgeschichte zu Papier gebracht, jeweils begrenzt auf eine Doppelseite. Die Lektüre lässt eintauchen in die intensive Auseinandersetzung der Autoren, in ihr Verstecken und Verdrängen, in ihr häufiges Empfinden von Schuld, in ihr Ringen und Anerkennen, in ihr Auftreten und Bekennen, in ihre Gefühle des Stolzes, der Befreiung und Liebe. Die Berichte sind so vielfältig wie ihre Schreiber, die Stärke liegt gerade in ihrer Subjektivität. Und doch ziehen sich manche Themen durch alle Aufsätze – wie gut es tut, Gehör und Anerkennung zu finden durch Menschen, wie erlösend die Erkenntnis ist, dass Gottes Liebe keine Unterschiede macht. Aber auch der Schmerz, dass die Kirche dies sehr wohl tut, nicht unbedingt in der Mehrheit ihrer Vertreter vor Ort, wohl aber in der Lehre und in den Strukturen.
Das Erscheinen des Buches trifft nach der Veröffentlichung des Münchner Missbrauchsgutachtens in eine Phase der intensiven gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der kirchlichen Sexualmoral und ergänzt – ob beabsichtigt oder zufällig – hervorragend die Initiative #OutInChurch, mit der sich 125 Mitarbeitende der katholischen Kirche in der letzten Woche zu ihrer queeren Identität bekannt haben.
Das Buchprojekt spannte allen Beteiligten eine Leinwand von jeweils zwei Seiten auf, auf der sie ihre Geschichte ganz individuell aufzeichnen konnten. Zuhören und Lesen ist ein Beitrag zur Heilung – schenken wir den Mutigen diese Aufmerksamkeit, sie haben es verdient:
>> Ein echter ‚Save Place‘, also ein Ort, wo Ruhe, Nächstenliebe und Gemeinschaft zu finden sind, kann Kirche für mich nur sein, wenn sie gegen menschenfeindliche und exkludierende Ansichten Stellung bezieht. (Charlotte Baron, geb. 2002) <<
>> Es ist erschreckend zu hören, welchen Selbsthass längst überwunden geglaubte Vorstellungen zum Beispiel von kultischer Reinheit oder sündiger Sexualität bei sensiblen, spirituell begabten jungen Menschen immer noch auslösen können.“ (Dr. Julia Knop, geb. 1977) <<
>> Wie soll man denn an einen gütigen Gott glauben können, wenn dessen ‚Vertreter‘ auf Erden solche schlimmen Taten an uns Kinderrn verübten? (Michael Kurz, geb. 1964) <<
>> Wie sollen gläubige Eltern hinter ihren queeren Kindern stehen können, wenn die Kirche nicht hinter steht? (N. N., geb. 2000) <<
>> Im Segnungsgottesdienst von #liebegewinnt am 9. Mai 2021 spürte ich, wie es sein könnte, wenn die katholische Kirche Homosexuelle nicht länger ausgrenzen würde. Es war ein sehr feines Gefühl, tief im Inneren, das mich erahnen ließ, wie es wäre, in der katholischen Kirche angenommen zu sein, egal wie man empfindet. (Dr. Christine Walter, geb. 1973) <<


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