Rezension zu Nana Myrrhe: Feucht & Fromm. Die schmutzigen Geheimnisse der Purity Culture. Trier: ruach.jetzt, 2025 //
Seit einigen Jahren beschäftige ich mich intensiv mit Literatur zu sexualisierter Gewalt, vor allem im katholischen Kontext. Erst vor gut zwei Jahren stieß ich auf den Begriff der „Purity Culture“ – die dahinter liegenden Vorstellungen waren mir jedoch, auch aus dem katholischen Kontext, längst vertraut. Gemeint ist ein in konservativ-evangelikalen Milieus verbreitetes Normensystem, das sexuelle Reinheit zum moralischen Maßstab erhebt. Es verbindet sexuelle Enthaltsamkeit bis zur Ehe mit strengen Vorgaben zu Rollenbildern, Körperkontrolle und „reinem“ Verhalten.
In Feucht & Fromm bietet Nana Myrrhe einen tiefen Einblick in diese Welt. Der Reinheitskult ist keineswegs ein Relikt vergangener Tage: In den USA erlebte er seit den 1990er Jahren eine Renaissance, und manche seiner Rituale finden sich zunehmend auch in deutschen evangelikalen und freikirchlichen Gemeinden wieder. Myrrhe kennt dieses Umfeld aus der Innenperspektive, und so verbindet das Buch umfassende Sachanalyse mit der Aufarbeitung ihrer freikirchlich geprägten Biografie.
Mit 354 Seiten ist das Buch umfangreich; die 833 Fußnoten und das Literaturverzeichnis sind per QR-Code ausgelagert. Dennoch liest es sich erstaunlich leicht. Myrrhe erklärt komplexe Zusammenhänge differenziert, klar und lebensnah. Die Kapitel sind logisch aufgebaut, ein roter Faden führt sicher durch die Materie, und der Text entwickelt einen durchgängigen Spannungsbogen. Ich hatte das Buch in wenigen Tagen durchgelesen – obwohl ich nicht zu den schnellsten Lesern zähle.
Nach einer Einführung in das Phänomen arbeitet Myrrhe die historische Entwicklung der Purity Culture in den USA und Deutschland heraus. Es folgen prägende Ideale und Rituale sowie eine Analyse ihrer Auswirkungen auf das Leben junger Menschen. Intensiv setzt sich Myrrhe mit drei zentralen Werken der Purity-Literatur auseinander, die exemplarisch für unterschiedliche Phasen der Bewegung stehen und deren Wirkung auf jugendliche Leser:innen beleuchtet wird. Biblische Begründungen, auf die sich Vertreter und Vertreterinnen der Purity Culture berufen, werden kritisch, aber eher knapp analysiert. Der wesentliche Schwerpunkt des Buches liegt auf den Folgen der Purity Culture in verschiedenen Lebenssituationen und Entwicklungsphasen junger Menschen. Hier wird spürbar, wie sehr Myrrhe aus eigener Erfahrung und aus Gesprächen mit Betroffenen schöpft. Die Darstellung der „Früchte“ dieser Kultur – zumeist bittere – bildet einen eindringlichen Abschluss.
Neben der sachlichen Analyse enthält das Buch zahlreiche autobiografische Episoden. In eingestreuten, farblich und typografisch abgesetzten Rückblenden zitiert Myrrhe aus ihren Tagebüchern und ordnet diese Einträge in ihre damalige Gefühlswelt ein. Das macht die Lektüre besonders anschaulich und hat mich beeindruckt: Mutig öffnet sie sehr persönliche Räume, geht bewusst das Risiko ein, sich verletzlich zu zeigen.
Ein wenig nachdenklich stimmt mich, dass Personen, die sich nach leidvoller Erfahrung aus der Purity Culture lösen, mitunter die christliche Sexualmoral gänzlich in Frage stellen. Das Pendel schlägt dann in die Richtung, das körperliche Liebesleben weitgehend unabhängig von personaler Bindung zu betrachten – nicht zwingend, aber als legitime Option. Der ethische Anspruch beschränkt sich auf Konsens und Respekt. Das ist mir persönlich zu wenig. Vielleicht ist diese Haltung aber auch einfach eine vorübergehende Folge der Abgrenzung gegen den Rigorismus, schließlich müssen Werte neu für das eigene Leben gefunden und definiert werden. Die Autorin spricht selbst vom Phänomen der Post-Purity-Pubertät.
Zu kritisieren gibt es nur wenig. Ich hätte die Fußnoten gern gedruckt im Buch gesehen; einige Anglizismen haben mich herausgefordert. Doch das sind Kleinigkeiten und letztlich Geschmackssache.
Feucht & Fromm ist eine bewusste Provokation. Schon Titel und Umschlag – zwei Hände mit glitzernden pinken Fingernägeln, die ein Dreieck formen, das wohl nicht zufällig an eine Vulva erinnert – ziehen Aufmerksamkeit auf sich. Das Buch ist klar feministisch ausgerichtet und zeigt auf, wie sehr besonders Mädchen und Frauen unter der Purity Culture leiden, ohne dabei die Erfahrungen von Jungen und Männern zu übersehen. Myrrhe beschreibt die Purity Culture als eine Form von spirituellem Missbrauch und als Entfremdung junger Menschen von ihrem eigenen Körper. Ihr Ton ist stellenweise zornig, manchmal ironisch gebrochen, immer aber respektvoll und differenziert. Trotz aller Kritik bleibt Raum für versöhnliche Gedanken – nicht gegenüber dem Reinheitskult, wohl aber gegenüber zugrunde liegenden positiven Absichten und den Menschen, die ihm anhängen.
Ein eindrucksvolles, mutiges und notwendiges Buch. Ich kann’s empfehlen!


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