Dem Aufschrei Gehör verschaffen

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Rezension zu Dysmas de Lassus: Verheissung und Verrat. Geistlicher Missbrauch in Orden und Gemeinschaften der katholischen Kirche. Münster : Aschendorf, 2022 //

Ich habe in den letzten Jahren viele Bücher zum Missbrauch in der katholischen Kirche gelesen. Sie ergänzen sich durch ihre unterschiedlichen Blickwinkel in der Betrachtung und die gesetzten Schwerpunkte.

In „Verheißung und Verrat“ liegt der Fokus auf geistlichem Missbrauch in katholischen Ordensgemeinschaften. Es ist damit nicht das erste Buch, das Fehlentwicklungen in dieser Lebenswelt beleuchtet. So trug etwa Doris Reisinger mit ihrem Erfahrungsbericht „Nicht mehr ich“ über das Leben in einer missbräulichen geistlichen Gemeinschaft wesentlich zur Definition und Bildung des Begriffs „geistlicher Missbrauch“ bei. Dennoch füllt das 330 Seiten starke Werk des Kartäusermönchs Dysmas de Lassus eine Lücke in der bisherigen Missbrauchsliteratur, denn der Autor befasst sich sehr systematisch und auf dem Hintergrund seiner persönlichen Prägung durch ein langjähriges Leben in einer Ordensgemeinschaft mit dem Thema.

So zeigt de Lassus auf, welche Haltungen dem Ordensleben zugrunde liegen, nach welchen Grundsätzen das Zusammenleben in Gemeinschaften organisiert ist, wie neue Mitglieder eingeführt und welche Formen der Begleitung praktiziert werden. Er beschreibt Rollen und Dynamiken im Leben geistlicher Gemeinschaften. Alle dargestellten Aspekte sind konstitutiv für diese Lebensform – können aber auch missbraucht werden. De Lassus beleuchtet dabei, dass Missbrauch häufig nicht in einzelnen Handlungen, sondern in deren Ausmaß und Intention gründet – die Dosis macht das Gift. Dadurch ist geistlicher Missbrauch auch häufig schwer zu erkennen.

Eine besondere Stärke des Autors liegt in seiner sensiblen Wahrnehmung der Opfer geistlichen Missbrauchs und darin, deren Anliegen kompromisslos in den Mittelpunkt zu stellen. Dabei verlässt er jedoch nie die Position der Mitte und des Ausgleichs, auch eine monastische Tugend.

Aspekte des Missbrauchs, die in der Struktur und Verfasstheit der Kirche zugrunde gelegt sind, werden nicht thematisiert. Im Gegenteil – „die Kirche“ wird in ihren Gesetzen, Schriften, Traditionen und Ämtern als eine Instanz im Kampf gegen den Missbrauch dargestellt. Damit wird ein wesentlicher Hintergrund und verstärkender Faktor geistlichen Missbrauchs zumindest deutlich vernachlässigt, das sehe ich kritisch.

Alles in allem aber ein sehr lesenswertes Buch, das nicht nur denjenigen zu empfehlen ist, die in Ordensgemeinschaften (oder anderen, auch weltlichen Organisationen) Leitungs- oder Ausbildungsverantwortung tragen, sondern auch und insbesondere allen, die für sich ein Leben in einer solchen Gemeinschaft erwägen.

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