Rezension zu Burkard Hose: Verrat am Evangelium? Für eine Kirche die sich zu den Menschenrechten bekehrt. Münsterschwarzach : Vier-Türme, 2022 //
Der katholische Priester, Mitinitiator der Initiative #OutInChurch und Autor zahlreicher geistlicher wie gesellschaftspolitischer Bücher Burkard Hose setzt sich in seinem neuesten Werk mit dem Thema der Menschenrechte auseinander. Dabei reflektiert er insbesondere das Verhältnis der katholischen Kirche zu diesen universellen Rechten, die gemäß der Erklärung der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1948 jedem Menschen unbedingt und unveräußerlich zustehen.
Diese Auseinandersetzung führt Hose in zehn übersichtlichen Kapiteln, die jeweils einen Aspekt des Themas beleuchten. Es geht um die unveräußerbare Würde jedes einzelnen Menschen und deren Wahrung, um den freien Zugang zu Informationen und gegen deren Umdeutung, um die Freiheit der Meinungsäußerung, um das gemeinsame Eintreten für Ansprüche, um die Notwendigkeit einer ehrlichen und konkreten Sprache, um den Schutz vor Gewalt in all ihren Facetten, um demokratische Prinzipien zum Schutz vor autoritären Strukturen, um gleiche Rechte aller Menschen und gegen Diskriminierung aufgrund des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung, um den Schutz all dieser Rechte durch eine unabhängige Gerichtsbarkeit.
Keine spektakulären Themen, sollte man meinen, da gesellschaftlich zumindest in westlichen Gesellschaften eigentlich durchgängig anerkannt. Interessant wird die Auseinandersetzung allerdings in ihrer Anwendung auf die katholische Kirche. Denn hier fällt die Bilanz in wesentlichen Bereichen katastrophal aus. Setzt sich die Kirche im Außenverhältnis für die Wahrung der Menschenrechte ein, so sieht das in der innerkirchlichen Perspektive deutlich anders aus. In allen oben aufgezählten Bereichen weist Hose auf eklatante Menschenrechtsverletzungen hin. Dabei richtet er sein Augenmerk in besonderer Weise auf die systematische Ausgrenzung aller Menschen, die nicht Männer sind, sowie auf die Diskriminierung von Lebensentwürfen, die von den katholisch normierten Modellen Ehe oder Zölibat abweichen. Seine Kritik richtet sich gegen autoritäre und vormoderne Strukturen in der Lehre und in der Organisation der Kirche, die ursächlich sind für die Loslösung der kirchlichen Entwicklung von gesellschaftlichen Fortschritten und wissenschaftlichen Erkenntnissen in den letzten zweihundert Jahren.
Als Priester der katholischen Kirche steht Hose innerhalb des Systems, das er kritisiert. Er weiß, worüber er schreibt, das ist durchgängig zu spüren. Und bei aller Kritik ist sein Ziel doch die Umkehr dieser Kirche, ihre Metanoia. Er wünscht sich eine Kirche, die sich den Menschen zuwendet in deren individueller Lebensrealität. Eine Kirche, die niemanden ausschließt, die jede Berufung ernst nimmt, die sich zusammen mit anderen Menschen guten Willens einsetzt für Menschen in Not, benachteiligte Gruppen und eine humane Gesellschaft. Er wünscht sich eine Kirche, in der das Handeln Jesu Christi den Maßstab darstellt, sein Brechen mit den gesellschaftlichen Normen der Zeit, seine Parteilichkeit zugunsten der Ausgegrenzten. Diakonisches und gesellschaftliches Engagement, aber auch Initiativen wie #OutInChurch und Maria 2.0 zeigen auf, wie eine solche Kirche aussehen könnte und es mancherorts auch tut.
Das Buch mündet in der Formulierung von Forderungen, deren Anwendung aus Hoses Sicht zu einer erfolgreichen Neuausrichtung der kirchlichen Lehre und Praxis führen können. Er spricht von seiner Utopie, doch die Thesen sind sehr konkret und eignen sich als Grundlage zur Diskussion in Gruppen und Gremien, ich würde sie beispielsweise der deutschen Bischofskonferenz empfehlen.
Es ist ein lesenswerter Essay, der das derzeit vielfach beschriebene Thema der Kirchenkrise unter dem Aspekt der Menschenrechte betrachtet und durch diesen Blickwinkel einen anderen Zugang eröffnet als die rein binnenkirchliche Auseinandersetzung. Manche biblische Grundlegung hätte mehr Raum verdient und den Preis des Buches hat der Verlag für mein Empfinden zu hoch angesetzt, doch für mich war die Lektüre sehr lohnenswert. Burkard Hose vermag Inhalte mit geistlichem und menschlichem Tiefgang einfach zu formulieren und ermutigt, den Finger in die Wunde zu legen, ohne dabei die Hoffnung und die Freude am Glauben zu verlieren. Für eine Kirche, die sich zu den Menschenrechten bekehrt.


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