1945: Erste Begenungen mit Amerikanern.

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Von Irmintraut Sauer //

Aufgeschrieben für meine Mutter Elisabeth Behringer in Dankbarkeit //

„So, jetzt san mir mit de Amerikaner auch noch im Krieg“, verkündete der Gräfelfinger Rektor Thalhauser seiner 4. Volksschulklasse im Dezember 1941. „Braucht’s euch aber nix denken, Kinder: Amerika ist weit, da ist ein ganzer Ozean dazwischen. Da kemma mir net nüber und die kemma net rüber!“ Anfang Mai 1945 waren sie aber doch da, auch in der Lochhamer Jahnstraße. Wir Kinder waren gleich im ersten Haus, Ecke Maria-Eich-Straße, zum Spielen beim Rüger Hansi zusammengekommen und drückten uns am Küchenfenster die Nasen platt, als ein gewaltiger Panzer um die Ecke kam. Du liebe Güte: der hatte ja einen Stern aufgemalt – es werden doch nicht die Russen gekommen sein! Es waren aber zwei junge amerikanische Soldaten, die oben aus dem Turm herausschauten und ihn mitsamt der Kanone auf einmal in Richtung auf unser Fenster drehten. Ohne jede militärische Vorübung tauchten wir allesamt wie der Blitz weg. Nichts passierte. Als nach einer mittleren Ewigkeit immer noch nichts passierte, hat uns die Neugier doch wieder ans Fenster getrieben. Die zwei Amerikaner draußen haben sich halb totgelacht, als wir wie die Kasperlköpfe nacheinander wieder erschienen.

Der Waffenstillstand kam am 8. Mai. Die kämpfende Truppe musste nun nicht mehr kämpfen, und man richtete sich, so gut es ging, in dem durch Münchner Bombengeschädigte und Ostflüchtlinge ja schon reichlich übervölkerten Ort ein. Die schönsten Häuser wurden zuerst von der Besatzungsmacht beschlagnahmt, und die Gräfelfinger rückten halt noch enger zusammen. Die Berührungspunkte mit den Amerikanern waren allerdings mehr als spärlich und wurden am ehesten noch von den Kindern wahrgenommen. Wenn die GIs abends spazieren gingen – vermutlich aus Sicherheitsgründen stets paarweise -, erwiderten sie freundlich unser ‚good evening‘. Beim dreijährigen Brüderchen hießen die Uniformierten bald nur mehr die ‚Ihweling‘.

Auch in ‚unserem‘ HJ-Heim waren die Amerikaner einquartiert. Nun gab’s keine Möglichkeit mehr, wie in früheren Jahren zum Muttertag einen Margaritenstrauß auf der bunten Wiese vor dem Heim zu pflücken – Zutritt für Zivilisten streng verboten. Später kamen wir aber doch hinein, als wir nämlich für unsere Mütter Uniformen zum Waschen abholten. Ein schönes Stück Seife gab’s dazu, orangefarben und reichlich desinfizierend riechend. Aber den Rest musste man nicht mehr zurückbringen, wenn die Uniformen wieder abgeliefert wurden, zu Hause mühselig von Hand gewaschen und gebügelt, für Süßigkeiten oder – nur von der Mutter weitaus begeisterter begrüßt – ein paar Zigaretten. Die waren damals die härteste Währung, sie brachten ein paar brauchbare Lebensmittel ins Haus.

Ein Stück weiter die heutige Hubert-Reißner-Straße entlang war gleich nach dem Eingang zur uralten in massivem Holz gebauten Turnhalle und den anschließenden Tennisplätzen noch ein kleines Wäldchen mit einem als ‚Abschneider‘ beliebten Fußweg zum Bahnhof. In dieses Wäldchen hatten noch die deutschen Truppen für ihre Zwecke Baracken gebaut. Nun konnten die Amerikaner sie gut brauchen. Eines Tages waren sie aber plötzlich abgezogen, und wir Kinder durchfilzten die Gebäude nach Brauchbarem – etwa einem Stück altem Weißbrot oder einer nicht ganz ausgekratzten Corned-Beef-Dose. Die Ergebnisse waren bescheiden, aber siehe da: in einer Baracke lagen doch glatt noch ein paar Briefchen mit Zucker. Dass in einem anderen Regal noch ein Gewehr lag und ein paar andere Dinge, hat uns nicht weiter irritiert – damit konnten wir ja nichts anfangen. Aber die Zuckerbriefchen!!! So ein ganz feiner Rohrzucker, der uns auf der Zunge verging… Wir zogen selig damit ab und begegneten noch im Wäldchen einem einschichtigen GI. Erst hinterher wurde uns bewusst, dass wohl doch nicht alle Soldaten ausgezogen waren. Nun, der letzte Mohikaner wird seinen Zucker nicht allzu schmerzlich vermißt haben.

Gleich am Gräfelfinger Bahnhof war im ‚Weißen Rößl‘ die Verpflegungsstation der am Ort stationierten Amerikaner. Als Nachtisch gab’s für sie offensichtlich immer einen Becher Kakao, den sie mehr oder weniger ausgetrunken nach draußen brachten. Da standen dann die deutschen Kinder mit irgendwelchen Geschirren und sammelten die traurigen Reste ein. ‚Please, please‘ gellte es über den Platz, ich hab’s noch heute in den Ohren.

Aber man war froh, endlich nicht mehr tagsüber wie nachts wieder und wieder in den Luftschutzkeller flüchten zu müssen. Seit jenem 7. Januar 1945, als die englischen Fliegerbomben nur einige hundert Meter entfernt von unseren Häusern eingeschlagen waren, hat uns die Angst doch sehr im Nacken gesessen. Und doch sollten wir die Folgen des Krieges auch nach seinem Ende noch einmal sehr bitter zu spüren bekommen. Wir Kinder waren viel unterwegs in Wald und Wiesen, um vielleicht doch ein paar Beeren oder Pilze gegen unseren Hunger zu finden. Auch unsere Freundin Ingrid Lenkeit und ihr Vetter Reini Czybulka, der mit seinen Angehörigen erst einige Monate zuvor aus Ostpreußen geflohen war, waren auf einer dieser Streiftouren. Gleich am Kastanienbergl im Wald, der noch heute Gräfelfing und Lochham an der Jahnstraßen-Seite verbindet, lagen ein paar seltsame Gegenstände herum. Die beiden hoben einen davon auf und warfen ihn wieder weg. Die Folgen waren verheerend. Die Amerikaner hatten bei ihrem Abzug intakte Munition liegengelassen, und eine dieser Granaten, oder was immer es war, explodierte nun. Deutsche Krankenhäuser waren damals elend ausgerüstet, und so kamen Ingrid und Reini in ein amerikanisches Feldlazarett. Es war vor dem Nymphenburger Schloß aufgebaut – eine Riesenzahl von großen Zelten. Ingrid konnte nicht mehr gerettet werden, sie starb nach zwei Tagen. Ihr Vetter Reini wurde an seinen schweren Verletzungen im Bauchbereich und an den Beinen operiert und kam durch. Wir Kinder besuchten ihn, und zwar liefen wir zu Fuß mit schlechten Schuhen oder barfuß zuerst nach Pasing, fuhren ein kleines Stück mit der Linie 19 und marschierten dann weiter nach Nymphenburg. Es gelang uns, unter den uns zahllos erscheinenden Zelten das richtige zu finden, wir wurden auch eingelassen und saßen nun an Reinis Bett. Ihm ging es damals gottlob schon besser, aber gleich im Nebenbett lag ein armer junger Amerikaner. ‚One, two / one, two / one, two‘ keuchte er ständig vor sich hin. Die Nacht darauf starb er im selben Feldbett, in dem einige Tage zuvor auch unsere Freundin Ingrid gestorben war. Doch auch hier wieder eine freundliche Begegnung mit Amerikanern: eine der Nurses brachte jedem von uns eine Scheibe wunderbares Weißbrot, dick mit Butter bestrichen und mit einer Bratenscheibe belegt. So gestärkt, konnte der kleine Troß seinen mühseligen Heimweg wieder antreten: diesmal ganz zu Fuß, von Nymphenburg bis nach Lochham. Neben dem lieblichen Bild, das Nymphenburg mit seiner großen Fontäne längst wieder bietet, steht mir doch heute noch jene traurige Lazarettstadt vor Augen.

Der folgende Sommer war heiß und für uns Kinder besonders lang, denn es gab ja keine Schule und auch sonst recht wenig zu tun. Also hatten wir herrlich viel Zeit zum Spielen. Als ‚Indianer‘ brauchten wir dafür nicht viel, denn einen Strick zum Spannen des Bogens gab’s denn doch noch, die Pfeile wurden selbst geschnitzt. Wo aber waren die Ziele? Vor allem bewegliche waren gefragt. Es bewegte sich nicht viel damals auf den Straßen. Doch siehe da, ein Jeep fuhr durch die Jahnstraße. Schon war er getroffen. Die Reaktion war gewaltig. Mit quietschenden Bremsen hielt das Fahrzeug an, die zwei amerikanischen Insassen sprangen auf der ‚feindabgewandten‘ Seite heraus, bewaffnet mit Schießprügeln, und lugten vorsichtig über die Kühlerhaube. Als sie uns völlig bedeppert dastehen sahen, mit je drei Hühnerfedern auf dem Kopf als Indianer ausgewiesen, konnten sie sich doch das Lachen nicht verkneifen, und die Situation war für sie und uns gerettet.

Seligenstadt am Main, 6. Februar 1985

Irmtraut Sauer, geb. Behringer,
geboren am 8. Mai 1931
in München

Eintrag von Irmintrauts Freundin Inge Lenkeit in ihr Poesiealbum aus dem Jahr 1941. Inge war das Mädchen, das durch die im Wald zurückgelassene Granate ums Leben kam. „Habe immer etwas Gutes im Sinn, und halte dich zu gut, etwas Bödes zu tun. Zur Erinnerung an deine Freundin Inge Lenkeit, den 25.4.41.“
Ingrid Lenkeit, vermutlich mit ihrem kleinen Bruder. Es ist das Bild aus Irmintraus Poesiealbum, mit Hilfe von KI koloriert.

Der Beitrag zum Download (deutsch und englisch):

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